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Berlin

Marathon 27.09.2015

Ein Küstenkind wird auf Berliner Asphalt seekrank

 

Wat ´ne Kirmes! Über 41000 Läufer, 129 Nationen, 1 Mio. Zuschauer, 42 km Party und ich mittendrin. Möglich hat es ein VIP-Startplatz von Adidas gemacht. Danke Adidas, danke Ralf, der seine Kontakte strapaziert hat.

Wir reisten am Samstag per Bahn in Berlin an. Das Hotel lag fußläufig zum Start- und Zielbereich und war entsprechend proppevoll mit Läufern.

Wir fuhren zur Messe „Berlin Vital“. Dort mussten die Startunterlagen abgeholt werden. Ich befürchtete endlos lange Wartezeiten, aber es hielt sich sehr in Grenzen. So bin ich nach kurzer Zeit mit Startnr. und Startertüte ausgestattet über die Messe gezogen. Nach einigen netten Gesprächen ging es zurück ins Hotel.

 

Sonntag

Nach einen kleinen, frühen Frühstück ging es um 8:00 vom Hotel Richtung Startbereich. Verlaufen konnte man sich schon hier nicht. Von allen Seiten strömten Läufer herbei. Irgendwann musste ich mich von Matthias trennen. Ab hier ging es nur noch für die Starter weiter, die Begleitpersonen mussten draußen bleiben. Die Größe des Bereiches und die Masse der Läufer waren unglaublich. Es gab sehr viele Ordner, die einem den richtigen Weg wiesen.

 

Irgendwann war ich an meinem Startblock angekommen und reihte mich ein. Ich sollte in der zweiten Welle starten. Von weitem hörten wir den Countdown zur ersten Startwelle um 9:00 Uhr. Luftballons stiegen auf, Hubschrauber kreisten, die Menge tobte, die Energie war unglaublich!

Die Läufer fingen an, sich zu entblättern. Da das Wetter noch recht kühl war, hatten die meisten Läufer sich eine Schicht zu viel angezogen, die jetzt an die Seite flog. Die noch tragbaren Altkleider werden später an Hilfseinrichtungen verteilt. Sehr genial!

Die Zwischenabsperrungen zwischen den beiden Blöcken der zweiten Welle wurden aufgehoben. Wir rückten Richtung Startlinie auf. Es ging los! 9:15 Uhr knallte unser Startschuss. Sehr, sehr langsam setzte sich der Pulk in Bewegung. Nach sieben Minuten trabte ich über die Startlinie. Glücklicherweise waren die Straßen hier sehr breit. Trotzdem konnte ich nicht mein Tempo laufen. Über die ganze Strecke hieß es immer wieder bremsen, sprinten, Haken schlagen, durchschlängeln. Ich hatte Ellenbogenkontakte, genug für fünf Schlussverkäufe.

Der Lauf war dadurch viel anstrengender, als wenn ich sofort mein Tempo laufen konnte.

Nach etwa einen km wurde mir deutlich blümerant. Ich war irritiert. Was war los? Dann begriff ich: ich wurde seekrank. Allen Ernstes. Ich bin ein Küstenkind. Ich kann mir auf einem Kutter bei Windstärke 8 ein Wurstbrot schmieren und essen. Äh, ok, schlechtes Beispiel. Aber einen Chia-Leinsamen-Cräcker mit Erdnussbutter. Gar kein Problem. Und jetzt wurde ich auf Berliner Asphalt seekrank. Unfassbar! Aber der ständige Blick über ein unendliches Läuferfeld war so irritierend, dass mein Körper damit nichts anzufangen wusste. Also bin ich noch etwas weiter rechts gelaufen als sowieso schon und senkte den Blick. Schon funktionierte es.

So trabte ich durch Berlin. Vorbei an allerlei Sehenswürdigkeiten. Gefühlt alle 500 m wurde irgendwie Musik gemacht. Es war alles dabei. Von Panflötenspieler, über Trommelgruppen, Bands, Orchester, Anwohner, die ihre Boxen auf den Balkon gestellt haben. Außerdem natürlich Zuschauer mit Hupen, Rasseln, Klappern, Kuhglocken, und, und, und.

Hunderte von Schildern an denen ich vorbei trabte. Es waren die Klassiker dabei:

„Umdrehen wäre jetzt auch blöd“ Tipp an dieser Stelle: das macht erst auf der zweiten Hälfte Sinn.

„Quäl dich, du Sau!

„Im Ziel gibt es Bier“

„Keiner hat gesagt, dass es leicht wird“

„Anfeuern ist auch anstrengend“

„Wäre es einfach, hieße es Fußball“ Ok, da musste ich doch grinsen

Aber es waren auch durchaus kreative und sehr persönliche Schilder dabei. Und es ist wirklich hoch anzurechnen, dass die Zuschauer stundenlang schreiend, klatschend, trötend, klappernd, hupend und sonst wie anfeuerten. 42 km Party!

Neben vielen Versorgungsständen mit Wasser, Tee, Iso, Obst und Wasserwannen zum Abkühlen mit den in den Startertüten erhaltenen Schwämmen, hat Powerbar an einem Stand Gel verteilt.

 

Was unglaublich nervig war, waren die Läufer, die sich eindeutig in dem falschen Startblock haben einteilen lassen. Ich habe sehr viele Läufer innerhalb der ersten 10 km überholt, die kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit drauf hatten. Dass man irgendwann einbricht, kann den Besten passieren, aber nicht schon gleich am Anfang. Ich bin im 4-Stunden-Startblock gestartet. Beim Tempo dieser Läufer müssten sie schon einen seeeeeehr negativen Split laufen, so ungefähr doppelte Schallgeschwindigkeit (für die Nichtläufer: soll heißen, die zweite Hälfte wird schneller gelaufen, als die erste) Das ist einfach eine extrem unsoziale Einstellung. Dadurch staut es sich noch mehr, als sowieso schon.

Es kam Zwischendurch immer wieder zu Engstellen. Die Absperrungen waren zwar recht gut aber wo es nur durch Pylone markiert war, standen die Zuschauer teilweise bis zur blauen Linie. Das ist krass! Simone, eine Freundin bei der Berliner Polizei, konnte von Einsätzen beim Marathon erzählen… ich bin vor Lachen und Staunen mehrfach fast vom Stuhl gefallen. Jetzt erlebte ich es selber. Es war nicht übertrieben.

Bei km 29/30 habe ich Carsten, einen guten Freund, getroffen. Er hatte mir vorher gesagt, wo er stand. Entdeckt, abgeklatscht, kurz in Arm genommen (vermutlich musste er seine Jacke danach verbrennen. Ich war nicht mehr so ganz duftneutral) und grade als ich Luft holen wollte, um mich bei ihm auszuweinen: Kopfschmerzen, Hunger, mich nervten die vielen Läufer, die direkt vor mir auf die Bremse hauen, ewiges Ausweichen, Ellenbogenkontakte. (ja, ok, ich hing ein bisschen durch und hatte schwere Reizüberflutung) haute er mir auf den Hintern und rief: „Los Mädel, lauf!“ Seufz, keiner versteht mich. Ok, er hat ja Recht. Also los geht´s. Den Kopf auf Endspurt stellen.

 

Nur weil ich schon Ultras gelaufen bin, ist es übrigens nicht so, dass ein Marathon nicht weh tut. Er tut weh!!! Aber ein Vorteil ist, dass ich mein Mantra im Kopf hatte: „Stell dich nicht so an, es ist nur ein Marathon.“ (Oh Gott, ist das überheblich) Egal, es half. Und die Stimmung war einfach gigantisch.

 

Auf den folgenden km sah man immer mehr Läufer einbrechen. Viele mussten gehen. Im Teilnehmerfeld war medizinische Betreuung per Fahrrad unterwegs. Eine Läuferin, die humpelnd an der Seite anhielt wurde sofort versorgt. Fein, so konnte ich guten Gewissens weiter traben.

 

An km 40 trabte ich an unserem Hotel vorbei. Dort saß Matthias tiefenentspannt bei einem Cappuccino. Der hatte heute einen echt entspannten Job. Sei ihm gegönnt. Beim nächsten Großprojekt wird er wieder voll im Einsatz sein. Jetzt sprang er auf, feuerte an und machte Fotos.

 

Ich zog das Tempo noch etwas an. Den 4-Stunden-Pacemaker hatte ich seit einiger Zeit nicht mehr gesehen. Allerdings war es auch etwas kurvig und konnte so nicht besonders weit voraus sehen. Meine Zeit sah recht gut aus, wenn ich noch eine Schippe drauf lege, könnte ich evtl. auf 4 Stunden raus kommen. Das wäre ja obercool!

 

Also kramte ich im imaginären Vorratssack und da ganz unten fand ich doch tatsächlich noch ein paar Körnchen. Konfetti!

Mein Heck war mächtig am Jaulen. Also in kurzen Tippelschritten im Zick-Zack-Kurs um die anderen Läufer kurven. Hab mir später die Videosequenzen des Veranstalters angesehen. Es sah zum Schießen aus. Angeschossene Laufente auf Speed.

 

Ich bog um die nächste Ecke und sah das Brandenburger Tor weit vor mir. Wuhuuuuuuu! Wie genial ist der Anblick! Gas geben! Stimmung genießen. Und dann die Überlegung: Ist das Ziel das Brandenburger Tor, oder ist es dahinter? Ich hätte mir den Plan ansehen sollen. Ok, ich glaube, es ist dahinter. Also Kopf einstellen, dass ich weiterlaufen muss. Was für eine Stimmung. Die Zuschauer waren am Toben und Anfeuern. Es ging durchs Brandenburger Tor. Und wirklich, ein paar hundert Meter dahinter war das Ziel. Hatte ich doch Recht gehabt. Es ist schon Läufern in solch einer Situation passiert, dass ihr Körper 200 m vorm Ziel Feierabend gemacht hat und es einfach nicht weiter ging. Der Kopf und somit auch der Körper haben sich voll auf das falsche Ziel eingestellt. Das ist bitter!

Blick auf die Uhr: Hammer, da könnte ja sogar unter 4 Stunden werden. Looooos, alte Frau. Zack, zack!

Ich schlängelte mich durch die Teilnehmer und lief über den blauen Teppich und die Ziellinie. Yeah, ich bin die Größte! Was für eine Veranstaltung, was für ein Zieleinlauf, was für ein Rennen.

Hinter der Ziellinie gab es die Medaille und eine Warmhaltefolie. Danach wurde man in einem Bogen wieder Richtung Brandenburger Tor geleitet um die Fläche zu verlassen. Außerdem gab es noch einen Verpflegungsbeutel. Den abzuholen habe ich schlicht vergessen. So traf ich mich mit Matthias und wir gingen hoch zufrieden wieder zum Hotel.

 

Meine Zahlen

Nettozeit: 3:59:11 Stunden

Platz 2436 Frauen ges. von 8929

Platz 480 Altersklasse W40 von 1587

Von insges. 41224 angemeldeten Läufern kamen 36846 ins Ziel

 

Berlin Marathon

 

Fazit

42 km Party. Wer auf Kirmes und Großveranstaltungen steht, für den ist Berlin Pflicht. Es ist ein absolutes Megaevent. Die Vergabe der Startplätze läuft über Losverfahren (oder gute Beziehungen) Die Startgebühr ist ziemlich happig, 2015 betrug sie 98,- €.

Die Leistungen sind jedoch sehr gut. Das ganze Event ist sehr gut organisiert. Berlin kann mit dieser Masse an Laufbegeisterten umgehen.

Für mich persönlich war Berlin ein absolutes Erlebnis und ich bin Ralf sehr dankbar, dass er mir das möglich gemacht hat. Es wird jedoch ein einmaliges Erlebnis bei mir bleiben. Ich bin inzwischen mit dem Herz bei ruhigen, langen Landschaftsläufen mit übersichtlichem Teilnehmerfeld.

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