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Ein gutes OmenEin gutes Omen

Ein gutes Omen

 

 

 

 

 

 

 

 Kanadagänse an der Ruhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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WHEW100

02.05.2015

mein persönlicher Mount Everest

 

Am Samstag um 7:00 Uhr starteten bei zunächst kühlen Temperaturen die ersten Läufer auf die große Runde. Die Runde konnte als Einzelläufer, in der 4er-Staffel oder als Run-and-bike-Team bewältigt werden.

Es gab keine Absperrungen für den Lauf, man sollte also die Augen offen halten. Das wurde vorher sehr deutlich angesagt und war auch wirklich kein Problem. Es gab sehr wenige Straßenquerungen. Die Markierungen der Strecke war vorbildlich! Tassierband und grüne Sprühkreide = keine Chance sich zu verlaufen. Auch als meine Konzentration auf null war. Jedesmal, wenn ich mich fragte, ob ich evtl. doch falsch bin, war die nächste Markierung zu sehen. Eine unglaubliche Erleichterung, wenn nicht auch noch der Zweifel nagt, ob man wohl noch richtig ist.

Es gab 14 Verpflegungsstände, die alle traumhaft ausgestattet waren. Neben dem "Üblichem" wurde auch viel Wert auf vegane Verpflegung gelegt.

Die Strecke führte nur ganz wenige km durch Ortschaften. Das kann nicht ganz vermieden werden. Ansonsten war es einfach traumhaft. Zwar alles Asphalt, bzw. sehr feste Sandwege aber durch Wälder, Wiesen und an Flüssen entlang. Der Slogan "lang, flach, grün" passt! Wobei flach für einen Schleswig-Holsteiner wie mich relativ ist...

Zu mir: Ich war unglaublich nervös! Richtig Lampenfieber! Ich hatte mich morgens noch fünf Mal umentschieden, was ich anziehe. Es war empfindlich kalt.

Auf zum Startbereich. Der Veranstalter hat eine Parkfläche direkt neben der Start/Ziellinie organisiert. Die Stimmung war familiär und super entspannt. Jetzt, wo ich da war, wich bei mir die Anspannung langsam. Ich habe immer die Befürchtung zu spät zu kommen und wegen einer Autopanne oder Stau meinen Start zu verpassen.

Pünktlich um 7:00 Uhr startete das überschaubare Starterfeld. Ich startete meine Uhr und diese fragte mich irgendetwas, worauf hin ich ihr bestätigte, dass ich es Ernst meinte, dass sie starten soll. Was ist das denn jetzt für eine sinnlose Diskussion? Später am Tag werde ich verstehen, dass man nicht zu allem vorschnell ja sagt.

Nach einer kurzen Extraschleife, damit am Ende auch die Distanz stimmt, ging es über die Nordbahntrasse durch Wuppertal.

Nach 7 km gab es den ersten Verpflegungsstand. Danach waren wir aus Wuppertal ziemlich raus und es wurde deutlich grüner. Der Weg führte durch Felsschluchten, dann wieder durch viel Wald, Wiesen, teilweise durch oder vorbei an kleinen Siedlungen. Auf den breiten, asphaltierten ehemaligen Bahntrassen aber auch über Wanderwege.

Aygül, eine aus dem Veranstalterteam überholte uns mit dem Rad. Sie hatte vorher schon eine Straßenquerung gesichert. Jetzt radelte sie mit aufmunternden Worten vorbei: „Ihr macht das großartig und seid super schnell.“ Vielen Dank, das wird sich vermutlich noch ändern.

Ich kam mit einem anderen Läufer ins Gespräch. Er kam direkt aus Wuppertal und wir schnatterten über diese und jene Läufe, die er schon gemacht hat. Das war supernett, allerdings merkte ich, dass ich nicht mehr in meinem eigenen Rhythmus war. Das kann bei so einen Lauf am Ende zum Problem werden und so wuchs in mir die Befürchtung, dass ich grade einen Fehler mache.

Vor uns tauchte der nächste Verpflegungspunkt auf und die Situation löste sich von alleine auf. Mein Mitläufer hielt an, während ich mir nur ein paar Salzbrezel schnappte und nach einen „Vielen Dank“ von mir und einem „Viel Spaß“ von den VP-Betreuern weitertrabte.

 

In Hattingen kurz vorm VP 4 traf ich mich das erste Mal mit Matthias. Schnell Wasserblase gewechselt, ein frisches, dünneres Shirt angezogen und die Jacke zur Weste gezipt.

Weiter ging es. Am VP die üblichen Salzbrezel geschnappt und weiter auf dem wunderschönen Leinpfad direkt an der Ruhr entlang. Das Wetter war ein Traum und die Kanadagänse führten ihre Küken aus. In Essen ging es über die Ruhr und es wurde sich ein kurzes Stück durch die Stadt geleitet, bevor es durch einen Park wieder an der Ruhr weiter ging.

Am VP 6 bei km ca 40 traf ich Matthias wieder. Das übliche Prozedere: Wasserblase wechseln, Vorräte überprüfen, Bescheid geben, dass die gegründete WhatsApp-Gruppe alles live verfolgt und mitfiebert. Außerdem die erste Regieanweisung: „Grüße von Ralf, du sollst an dein Gehpausen denken und genug trinken.“ Jaja, big brother is watching you….

Weiter ging es. Ein Stückchen noch an der Ruhr entlang. Ich wartete auf meine erste Krise. Die habe ich eigentlich immer ab ca km 35/40. Dann wird es immer ein paar km sehr ungemütlich und dann geht es nachher wieder. Ok, es ging nicht grade ausgeruht, aber so richtig platt war ich noch nicht.  Ich nahm es gelassen hin. Hatte ja schließlich noch nicht mal die Hälfte. Mit einem Blick auf die Uhr dachte ich dann: „ok, das war der erste Marathon für heute.“ Ich war 4:39 Std unterwegs. Für meine Verhältnisse gar nicht schlecht. Der Weg führte jetzt wieder durch kleine Wälder. Endlich hatte ich Unterholz und kleine Nebenwege, in die Frau mal eben verschwinden kann. Die Läuferinnen wissen, was ich meine.

Hier und da gab es Gespräche mit Radfahrern oder Fußgängern. Im Grunde gestaltete es sich immer so: Er: „ Was ist denn das für ein Lauf?“ oder „laufen sie Marathon?“ Ich: „ 100km von Wuppertal.“ (Erklärt sich besser, als wenn ich WHEW100 gesagt hätte) Ungläubige Nachfrage: „100 km?“ Ich: „ja.“ Er: „heute?“ Ich: „so ist der Plan.“ Er: „Verrückt!“

Es war wirklich amüsant, denn es wiederholte sich dauerhaft, da wir sehr schönes Wetter hatten und entsprechend viele Menschen unterwegs waren. Was wirklich ungewöhnlich war: keine der üblichen Sprüche. Wir Läufer kennen es alle und können Bücher damit füllen. „Hopp, hopp, hopp“, „das hab ich schon schneller gesehen“, „ja wo laufen sie denn“ usw, usw. Aber hier auf 100 km nur ein blöder Spruch von einen älteren, dickbauchigen Mann auf der Parkbank, der grade sein Wurstbrot verspeiste: „ In dem Tempo kommen sie aber erst morgen an.“ Meine Antwort: „Ich hab die Zeit“ ja ok, nicht charmant aber er hat angefangen.

Es wurde zunehmend anstrengender. Die Laufintervalle wurden kürzer und die Gehpausen länger. Allerdings trödelte ich auch hier nicht, sondern kam mit einem forschen Marschschritt vorwärts.

Ab km 65 lief ich in meine erste Krise. Laufen tat weh, gehen tat weh. Ich war total platt. Teilweise fing ich mit Schritte zählen an, nur um irgendwie weiter zu kommen. Wo ich vorher immer kopfmäßig von einem zum nächsten VP oder Treffpunkt mit meinen Mann lief, ging es hier wirklich um 100m Abschnitte. Alle Mentaltricks, die ich so hatte, wurden durchgenommen.

Zwischendurch überflog ich die WhatsApp-Gruppe. Huih, ging da die Post ab! Das tat echt gut, zu wissen, dass alle am mitfiebern und anspornen waren. Danke!

An VP9, nach meiner Uhr km 70 traf ich mich wieder mit Matthias. Ich war platt und habe ihm dieses auch wortreich mitgeteilt. Aufmunterungsversuche von ihm, wie: „ Es sind doch nur noch 30 km.“ hatten nicht wirklich Erfolg. Ich trollte mich weiter.

Irgendwann ging es dann. Nicht gut, aber machbar. Dann holten mich noch ein paar Radler ein, die sich als Motivationsteam des WHEW vorstellten. Super Idee!!!! Die quatschten mich durch den nächsten km.

Die Strecke war weiterhin sehr schön. Selten ein kurzer knackiger Anstieg, allerdings zog sich vor dem nächsten VP eine lange, kaum sichtbare Steigung, die meine Beine jedoch deutlich registrierten. Bei VP10 wurden unter anderem gesalzen Rosmarinkartoffeln angeboten. Was für eine geniale Idee. Mein Magen machte allerdings dezent auf sich aufmerksam, so dass ich mir genau überlegte, was ich ihm noch zumute.

Die Km zogen zäh vor sich hin. Nächstes Treffen mit Matthias an VP11. Aus der ganz großen Krise war ich erstmal raus, aber fluffig ist anders. Am VP das übliche Prozedere: Wasserblase wechseln, Aminosäuren nehmen, durchschnaufen. Weiter geht´s!

Meine Pulsuhr sagte mir jetzt: „ Akku schwach“ Ja hallo? Meiner auch! Jetzt klärte sich auch die Frage meiner Uhr beim Start. Ich habe den GPS-Sparmodus, den ich extra eingestellt hatte, damit wieder deaktiviert. Tja, da nützt die teuerste Technik nichts, wenn man zu dusselig ist, sie zu bedienen. Jetzt nicht zu ändern. Noch ein Grund schnell ins Ziel zu kommen.

Es wurde kurzfristig etwas hügeliger. Ich änderte meine Taktik dahingehend, dass ich konsequent bergab und auf flachen Abschnitten lief und bergauf marschierte.

Eine Radlerin kam mir entgegen. Sie gehörte anscheinend zum Team und rief: „Ist nicht mehr weit.“ Ah, prima! Ich bin im ist-nicht-mehr-weit-Abschnitt.

Es ging durch ein Wohngebiet, immer artig den grünen Kreidepfeilen folgend. Kurze völlige Verwirrung bei mir. Die Pfeile führten plötzlich in die Richtung, aus der ich kam. Das kann doch nicht sein! Ich trabte verwirrt weiter. Ich war mir sicher, richtig zu sein. Da noch ein Pfeil in die falsche Richtung, aber direkt dahinter einer in die richtige Richtung mit WHEW daneben. Jetzt begriff ich es auch. Die „falschen“ Pfeile waren Markierungen einer Baustelle. Wie gemein!

Kurz dahinter an einer Weggabelung stand ein Streckenpostenpäärchen. Sie wiesen mir den Weg und riefen: „Durchhalten, ist nicht mehr weit.“ Ich weiß, danke!

Die nächste Krise kam bei km 95. Ich machte ein Foto von der Markierung. Ich wollte wenigstens den Beweis, dass ich es bis hier geschafft habe. Kurzen Wortwechsel mit einen Radler. Er fragte, was die 95km Markierung zu bedeuten hat. Ich erklärte. Er daraufhin: „100 km?“ Ich: „ja.“ Er: „alles heute?“ Ich: „So ist der Plan.“ Er: „verrückt!“ Ich könnte schwören, ich hatte das heute schon mal….

Ganz ehrlich, ich wusste nicht, wie sich 5 km ziehen können. Meine Pulsuhr stieg bei 96 km mit dem GPS-Empfang wegen Akkuschwäche aus. Also ohne weiter.

Km97 war gesondert markiert. Hier dachte ich wirklich, dass ich aussteigen muss.

Wieder mal ein gut gemeinter Zuruf: „Ist nicht mehr weit.“ Tja, das ist relativ.

Irgendwann zog ein Läuferpaar an mir vorbei, dass ich eigentlich sowieso schon vor mir gewähnt hatte. Normalerweise ist bei mir der normale Reflex dran zu bleiben. Hier ging bei mir aber nichts mehr. Also ließ ich sie ziehen. Ich hatte genug mit mir zu tun. Nachdem mein Magen artig über 90 km durchgehalten hat, stieg auch der endgültig aus, nicht mal mehr Wasser ging.

Ich hatte die beiden Läufer noch lange in Sichtweite. Auch sie hatten zu kämpfen, konnten aber langsam den Abstand erweitern. Es ging nach langer Zeit mal wieder durch einen Tunnel. Brrrrrr, war der kalt. Ich war in T-Shirt und Weste unterwegs. Inzwischen war es ziemlich kalt geworden und ich hatte dem auch nichts mehr entgegen zu setzen. Der Tunnel fühlte sich wie Tiefkühlabteilung an. Ich trabte los. Das hätte ich nicht ausgehalten und auch blöd, so kurz vorher zu erfrieren.

Zwischendurch nochmal den WhatsApp-Chat lesen und Energie holen. Das tat echt gut. Alle fieberten mit und feuerten an.

Körperlich ging es mir nicht wirklich gut aber plötzlich war der Dickkopf da. Also marschierte ich weiter. Durch den nächsten Tunnel. Tanztunnel stand drüber und drinnen bunt beleuchtet.

Wieder raus und weiter. Verflixt, es kann doch nicht mehr weit sein. Dann sah ich was: es war groß, rot und es stand „Ziel“ drauf. Ich konnte ich es kaum fassen, es war tatsächlich der Zielbogen. Und ich konnte es kaum glauben, wie lange ich brauchte um es zu begreifen. Wie war das? Ausdauersport ist gut für die kognitiven Fähigkeiten? Ich glaube, bei mir nicht. Oder ich habe die falsche Dosierung.

Ich trabte ein letztes Mal an und stierte auf die Zeitangabe. Unglaublich, wie sich der Blick tunneln kann. Ich sah 12:28 Std und ein paar Sekunden. Das müsste doch zu schaffen sein, vor 12:30 Std über die Matte zu laufen. Attacke! Und jetzt ging es auf einmal. Der Köper gehorchte, der Schweinehund kläffte begeistert auf und los ging es. Die Zuschauer schrien und klatschten. Eine rief: „Du bist die zweite.“ Häh? Der Moderator sprudelte los, nannte meinen Namen, dass ich ohne Verein startete, dass das mein erster 100er ist, dass ich die zweite Frau bin. Häh?

Ein letztes Mal konzentrieren, um nicht über die Zeitmatte zu stolpern. Über die Ziellinie rüber und ich konnte es nicht fassen, ich war tatsächlich durch! Mein erster 100er!

Matthias jubelte: „Du hast es geschafft! Du bist zweite.“ Mein „häh?“ wurde nicht intelligenter. Der Moderator war super und langsam verarbeitete ich die Ansage, die er mehrfach wiederholte: „die zweite Frau ist im Ziel!“ Bitte was?????? Wie geht denn das??

Es schoss einer aus dem Veranstaltungsteam auf mich zu, beglückwünschte mich und fragte mich, ob ich irgendetwas brauche. Er blieb wirklich die ganze Zeit bei mir, obwohl er sah, dass mein Matthias da war. Der war allerdings ähnlich durch den Wind wie ich. Als ich meinem Schatz sagte, dass ich wirklich dringend meine Jacke brauche, riss der gute Mann vom Team sich in Mikrosekunden seine Jacke runter und wickelte mich darin ein, noch bevor ich Piep sagen konnte. Diese Geste passte in die ganze Veranstaltung. Jeder einzelne im Team war mit Herzblut dabei!

Matthias hatte meine Jacke griffbereit, von daher konnte ich dankend wechseln.

Etwa 20 min nach mir kam die dritte Frau ins Ziel und als sie sich etwas erholt hat, wurde die Siegerehrung gemacht. Ganz ehrlich, ich hab das alles erst später so richtig verdaut.

Die nackten Zahlen: 100 km in 12:29:13 Std. Eine Zeit, von der ich nicht geträumt habe. Dass ich den zweiten Platz erlaufen habe, war Glückssache, es gibt viel schnellere Frauen, machte die Sache aber noch charmanter.

 

Ich bin super glücklich. Ich habe meinen ersten 100er hinter mich gebracht.  Es war ein tolles Erlebnis. Für mich z. Zt. meine absolute Grenze. Es wäre kein km mehr gegangen. Ich hatte großartige Unterstützung durch Matthias vor Ort, der WhatsApp-Gruppe übers Handy, Ralf, dem großartigstem Coach ever, Sabine, mein Physiogoldstück und Thomas, viel mehr als einfach nur ein Spitzenarzt.

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