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Foto: ©finisherPix.com

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Mainz

12.05.13

 

Der erste volle Marathon

Vorbericht:

Der Trainingsplan lief ziemlich glatt. Immer mal wieder Probleme mit Adduktor und Gesäßmuskulatur aber im Großen und Ganzen ok. Der Winter war lang, kalt und immer wieder Schnee. Die Bahneinheiten mussten alle auf der Straße stattfinden, da die Plätze unbelaufbar waren. In der 10. Woche körperlich und psychisch auf dem Tiefpunkt. Aber dann stimmte der Kopf wieder.

Auf dem letzten langen Lauf habe ich die Tibialis-Sehne unbemerkt überlastet. Erst Zuhause wurde es richtig schmerzhaft. Schienbeinkantensyndrom, eins der vielen Schreckgespenster für Läufer. Es folgte ein zweiwöchiger Gang durch die Hölle. Die Sehne war hartnäckig gereizt. Treppen wurden nur noch gehüpft. Es war hoch schmerzhaft, geschwollen und gerötet. Physio, Ibu, Wobenzym, Voltarensalbe, Quarkwickel, Pferdekühlgel, div Homöopathika und getaped. Die Psyche war am Boden. Erst am Mittwoch vor dem Lauf kam langsam eine Besserung. Am Fr. das erste mal vorsichtig 15 min getrabt.

 

Am Samstag beim Startunterlagen abholen habe ich Sascha getroffen. Er kommt ebenfalls aus Kiel und begleitet seinen Bruder bei dessen ersten Halbmarathon ein Stück.

 

Sonntag

Frühstück 6:30Uhr

Ich war angespannt, machte mir Gedanken über die Strecke. Überlegungen über Einteilung, Pace usw entfiehlen allerdings wegen der Sehne gänzlich. Mit Schweinehund Pauli verbündet. Noch kurze Email von Trainer Ralf bekommen: Er drückt die Daumen ist in Gedanken bei mir.

Meine Renntaktik: starten und mal schauen, wie lange es gut geht.

 

zum Start

Matthias begleitet mich. Wir haben einige Treffpunkte auf der Strecke verabredet. So kann ich mir den Lauf einteilen.

Wie verabredet haben wir uns mit Sascha und seinem Bruder getroffen. Er ist entspannt wie immer. Ich war in einem anderem Startblock eingeteilt als die beiden. Habe mich in meinem Block ganz hinten eingereiht. Ich muß ja nicht Verkehrshinderniss spielen.

 

Beim Start wie immer viel Gedränge. Es zog sich jedoch recht schnell auseinander. Das Wetter war immer noch kalt und naß.

Nach etwa 3-4 km meldete sich die Sehne. Sie baute sich jedoch nicht weiter auf, sondern blieb einigermaßen auf einem Level. Nicht angenehm, aber auszuhalten. Habe den Laufstil angepasst, dadurch wurde allerdings die Muskulatur sehr schnell müde. Außerdem konnte ich die letzten zwei Wochen nicht laufen. Ich hatte schon bessere Voraussetzungen.

Es ging unter anderem über das Schott-Betriebsgelände. Ein Schild mit digitaler Anzeige wies drauf hin, dass sie seit 16 Tagen unfallfrei sind. Die Simpsons lassen grüßen.

 

Bei km 6 etwa stand ein junger Mann vor seinem Imbiß und schaute zu. Er rief einem Teilnehmer vor mir zu, wie weit wir denn laufen würden? Antwort: 42km. Er fasst sich entsetzt an Kopf: „42 km?!? Brutal!“ Herzliches Gelächter!

 

Bei km 13 stand wie vereinbart Matthias. Ich hatte gedacht, dass wir uns verpasst haben. Wußte nicht mehr genau, welche Ecke wir ausgemacht hatten und es waren dort unglaublich viele Zuschauer vor Ort.

Matthias hat sich resolut durch die Absperrung gedrängt und neben einen Fotografen gestellt. Großartig. Schnell Jacke gegen Weste gewechselt. „Wie geht’s der Sehne?“ „Frag in 30 km nochmal.“ Kuß und los.

Es folgte eine unendlich lange Schleife nach Mainz-Weisenau. Im Gegenverkehr habe ich Sascha entdeckt. Abgeklatscht → Motivation!

Die Oberschenkel wurden jetzt müde. Na toll, nicht mal 15 km. Egal, der Kopf machte mit. Selbstgespräche: „was hast Du erwartet? Zwei Wochen nix tun, und dann das Ding locker abtraben? Du hast trainiert, du hast den Willen!“

 

Km 21, Ziel Halbmarathon, Rheingoldhalle

Wieder die Befürchtung, Matthias nicht zu treffen. Er hat sich aber taktisch super aufgestellt. Etwas hinter dem Trubel. „wie geht’s?“ „Anstrengend, aber ok.“

Gel gegriffen, Kuß, weiter.

 

Jetzt ging es über die Theodor-Heuß-Brücke über den Rhein. Es waren merklich weniger Läufer unterwegs. Ich hatte Platz, konnte mir erstmals auch die Gegend ansehen. Die Sonne kam teilweise raus, fein! Brücke runter mit Rückenwind: ich schaukel das Ding!!

Sascha kam mir entgegen. Hätte ihn übersehen aber er rief mir zu. Hat sich ehrlich gefreut. Ich mich auch.

Ab ins Wohngebiet. Windstill, Sonne. Puh, jetzt wird’s warm.

Anwohner hatten eine zusätzliche Wasserstelle eingerichtet. Feuerten an → Super!!!

 

Wieder zurück über die Brücke, AUA! Sehne jammert beim bergauf. Muskulatur bes. der Waden inzwischen bretthart. Aufgeben? Kochsalz wäre jetzt gut. Beim nächstem Mal Salzsticks mitnehmen.

 

Kurz vor 2/3 Ziel hat sich wie vereinbart Matthias aufgestellt. Kurz geflucht. Sehne geht, aber Muskulatur Katastrophe. Weiter Richtung Zielbogen. Ich fing ehrlich an den Ausstieg in Betracht zu ziehen. Einfach dort durchs Ziel und das Leiden hat ein Ende. Wäre sogar mit Wertung, Medaille und alles. Nee, nix ist! Bin nach Mainz für meinen ersten Marathon gekommen nicht für Kindergeburtstag. Lieber auf der Strecke untergehen, als freiwillig aussteigen. Außerdem würde ich mich nach kürzester Zeit so erholt haben, dass ich mich dann richtig ärgere. Ich kenne mich doch. Nein, aussteigen ist keine Option. Würde sich für mich wie versagen anfühlen. Also Schweinehund Pauli energisch voraus schicken und hinterher. Jetzt hat er Platz, jetzt muß er arbeiten.

Das Teilnehmerfeld ist jetzt sehr versprengt. Die Zuschauer deutlich weniger. Wieder zurück ins Schott-Betriebsgelände. Auch hier gelichtete Reihen auf der Bühne aber endlich km 30!!

 

Km 33

ein unglaublich motivierter Ordner feuert jeden einzelnen Läufer an!! Großartig!

 

Regenschauer, egal! Ich habe noch 2 km bis zum legendären km35, genau die Strecke von Zuhause bis zum Kanal. Ich visualisiere diese schon hunderte Male gelaufene Strecke. Pauli läuft vor.

Eine einsame Zuschauerin verteilt Traubenzucker. Danke! Normalerweise lehne ich Traubenzucker ab, es gibt Optimaleres. Aber jetzt nehm ich alles. Vielen Dank!!!!

 

Km 35

na, wo ist er denn? Der Typ mit dem Hammer scheint auch schon abgehauen zu sein. Dann eben nicht!

Ab jetzt beginnt Neuland für mich. Im Training war mein längster Lauf 35 km.

Eigentlich sind es ja auch nur noch 5 km. Ralf sagte, die letzten zwei km sind die leichtesten, weil dich Zuschauer, Endorphin und Adrenalin ins Ziel tragen.

Eine kleine Bühne: sehr nette Ansprache von einem Moderator: „Sandra aus Altenholz. Dabei ist das doch richtig junges Holz, was da läuft.“ Danke, Handkuss, weiter beißen, Aua! Sch...!!

 

Km 37

Visualisieren ist eine meiner Stärken und eine Technik sich über schwere Phasen zu helfen.

Ich visualisiere Ralf. Er läuft in seinem typischen, hochfrequenten Stil neben mir. Perfekte Körperspannung, entspannt am Erzählen.

Der Magen-Darm fängt an Probleme zu machen. Viele Kohlenhydrate, keine Ballaststoffe und stundenlanges Rumgeschaukel, na toll!

Einfach weiterlaufen und nicht stehen bleiben, dann klappt es. Nicht mehr weit bis zum nächsten Treffpunkt mit Matthias .

Die wenigen Zuschauer feuern jetzt jeden Läufer einzeln an. Machen richtig Party, klatschen, pfeiffen, trommeln, rasseln, La Ola-Wellen, rufen den Namen. Danke! Jedem Einzelnen!

 

Km 39

Matthias steht wie besprochen am Verpflegungsstand. Es tut richtig gut, ihn zu sehen. Ich rufe ihm zu, dass ich weiterlaufe. Wenn ich jetzt stehen bleibe, laufe ich nicht wieder los. Wenn ich das Ding nach Hause bringen will, muß ich jetzt dran bleiben.

Weiter beißen, der Triumpf ist greifbar. Alles, wofür ich die letzten Monate gearbeitet habe, ist jetzt möglich. Nur irgendwie durchhalten. Die Muskulatur ist am Schreien. Muß teilweise befürchten, dass ich einfach wegsacke. Konzentriere dich Sandra!!

 

Km 40

wo bleibt der Adrenalinschub von dem Ralf sprach?

Einbiegen auf die Zielgerade. Jetzt sind auch wieder etliche Zuschauer an den Seiten. Ich sehe den Zielbogen. Alle jubeln. Der Marathonclown feuert an. Ich schaff es. Einfach weiter laufen, bloß nicht stolpern, nicht den Rhythmus verlieren. Ans Uhr stoppen denken. Zielgasse, blauer Teppich, diverse Markierungen. Welche ist denn jetzt die Zeitmatte? Egal, ich laufe einfach bis zu dem Typen mit den Medaillen, die werden ja dahinter stehen. Uhr gestoppt, sogar den richtigen Knopf erwischt. 4:19 Std!

 

Medaille umgehängt bekommen, weiter getaumelt. Wo ist Matthias? Bin irgendwie orientierungslos. Jetzt kommt er. Ich kämpfe mit den Tränen, Matthias auch. Geschafft! Wir liegen uns in den Armen.

Erstmal durch die Absperrung. Ich muß aus dem Trubel raus. Rufe Ralf an:

„Ich hab´s geschafft!“ Verhaltenes „Ok, und wie geht’s dem Körper?“ „Äh, was? Keine Ahnung! Eigentlich gut, glaub ich. Ich hab´s geschafft!“ „Schön!“ langsam verstehe ich, dass Ralf aus meinem Gestammel nicht wirklich schlau werden kann. „Ich hab die volle Strecke geschafft. Ich bin meinen ersten Marathon gelaufen.“ „Das ist super, lass dich feiern.“ „Äh ja, ich melde mich“ Ich lege auf. Der Arme!

 

Verpflegung abgreifen. Langsam meldet sich mein Körper. Die Muskulatur schmerzt, ein mir bereits bekannter Bandansatz am rechten Knie dreht grade auf.

 

Fazit

der erste Marathon ist einfach etwas ganz Besonderes. Niemand, der nicht auch mit dem Laufvirus infiziert ist, wird das nachvollziehen können. Man quält sich bis zu seiner persönlichen Schmerzgrenze oder drüber hinaus und ist trotzdem glücklich.

Der Mainz-Marathon ist wirklich zu empfehlen. Während des Laufes kann man sich für eine andere Streckenlänge entscheiden. 2013 wurden neben dem Marathon auch Halb- und 2/3-Marathon angeboten. Die Strecke hat durchaus schöne Abschnitte aber auf der Marathondistanz auch sehr einsame Passagen. Darüber sollte man sich, besonders wenn man das erste Mal die volle Länge geht, im Klaren sein. Die härtesten km läuft man allein.

Die Verpflegung besonders im Zielbereich ist wirklich gut. Die Startertasche reich gefüllt.

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